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von Roger Blum

Tauchen in Deutschland

Auf Seerohrtiefe – Tauchen an der Torpedoversuchsanstalt Neubrandenburg (Tollensesee)


Der Tollensesee bei Neubrandenburg gehört zu den interessantesten Tauchgewässern in Mecklenburg-Vorpommern. Der 10 km lange und 1,3 bis 2,5 km breite See bietet gute Sichtweiten und interessante Tauchplätze. Hier kann man nicht nur eine Vielzahl von Fischarten, wie die seltene Quappe (Lota lota), sondern auch mehrere Wracks, Zielplattformen und zahlreiche Gegenstände aus der Zeit des Dritten Reiches am Grund des max. 31,2 m tiefen Sees entdecken. Bekanntestes Tauchziel sind die Trümmer der ehemaligen Torpedoversuchsanstalt Neubrandenburg.

Tollensesee

Tollensesee Tollensesee Tollensesee
Tollensesee


Hauptwaffe der U-Boote im 2. Weltkrieg waren die Torpedos. Auf den deutschen U-Booten wurden 2 Grundtypen eingesetzt: Zum einen der G7a, der mit einem Alkoholdampf-Motor arbeitete, zum anderen der G7e, der elektrisch angetrieben wurde. Der G7a hatte zwar eine größere Reichweite, verriet sich aber gerade tagsüber und bei ruhigem Seegang durch eine markante Blasenspur. Der G7e zog dagegen keine Blasenspur, war aber in seiner Reichweite eingeschränkt. Er musste auch alle 3-4 Tage aus den Torpedorohren gezogen und „geregelt“ werden. Ab 1942 wurde der akustisch zielsuchende Torpedo TV (G7e) – Zaunkönig – eingesetzt, der auf Schraubengeräusche reagierte und sich selbständig lenkte. Nach dem Abschuss musste das U-Boot sofort tauchen, um den Torpedo nicht mit seinen eigenen Schraubengeräuschen auf sich zu ziehen. Die Torpedos waren entweder mit Aufschlagzünder oder mit Magnetzünder ausgestattet.

Tollensesee


Bereits Anfang des 2. Weltkriegs zeigten sich immer wieder Probleme mit den Torpedos. Es stellte sich heraus, dass sie zu einem hohen Prozentsatz an Fehlzündungen litten, zu tief steuerten oder gänzlich versagten. Insbesondere mit den magnetischen Zündern gab es Probleme. Als Ursache für diese technischen Fehler wurde mangelnde Grundlagenforschung angesehen. Im Zuge der Umstrukturierung der Marineversuchsanstalt Eckernförde entschloss man sich daher eine neue Außenstelle hinzuzufügen, die sogenannte „Industrieversuchsanstalt des Oberkommandos der Marine“. Hier sollten vor allem Industrieentwicklungen getestet und Torpedos eingeschossen werden. Der Tollensesee bei Neubrandenburg bot mit seiner Ausdehnung und Lage dafür ideale Bedingungen.


Hauptaufgabe der neu geschaffenen Torpedoversuchsanstalt war aber nicht nur das Testen und Einstellen von Torpedos hinsichtlich Zündung, Steuerung, Tiefenhaltung und Geschwindigkeit, sondern auch die Ausbildung von Fachpersonal sowie die Forschung. Die Grundlagenforschung umfasste Zündung, Steuerapparaturen und Motoren, also Start, Geradeaus- und Tiefenlauf, Zielgenauigkeit sowie Geschwindigkeit. Es erfolgte die Erprobung von Weiterentwicklungen bestehender Torpedos sowie Forschungen zu gänzlich neuen Torpedotypen.

Tollensesee Tollensesee Tollensesee

Im Herbst des Jahres 1941 begann man dann im Nordbereich des Tollensesees mit der Errichtung einer künstlichen Insel in Spundbauweise. Sie war über einen etwa 500 m langen Damm und einer Brücke mit den Anlagen am Ufer verbunden. Auf der Insel wurde im Jahre 1942 die Abschuss- und Kommandozentrale erbaut. Das mehrstöckige Haus war das Kernstück der Anlage. Dort befanden sich die Abschussvorrichtungen für die Torpedos, sowohl für den Unterwasserabschuss, als auch für Überwasser.

Tollensesee Tollensesee Tollensesee

Die Teststrecke im Tollensesee hatte eine Länge von mehr als 8 km. Durch die installierte Kontrollstation im Hauptgebäude sowie durch Messkabel längs der Versuchsstrecke konnte der jeweilige Torpedoverlauf verfolgt werden. Zugleich wurde der Lauf von mehreren im See verankerten Plattformen aus überwacht. Sie waren ca. 30 bis 40 m lang und etwa 6 m breit. Eine dieser Plattformen hatten wir vor einigen Jahren beim Tauchen zufällig gefunden.

Nach dem Testlauf wurden die Torpedos von Torpedofangbooten aufgenommen. Die Übungsköpfe der Torpedos waren im Testbetrieb mit Wasser gefüllt, das dann gegen Ende des Testlaufs per Pressluft ausgedrückt wurde, so dass die Torpedos aufschwammen. Zum leichteren Auffinden und Abbergen waren die Übungsköpfe der Testtorpedos rot-weiß gekennzeichnet.


Am 28. April 1945 wurde die Torpedoversuchsanstalt zerstört. Nachdem sie russischen Truppen das Gebiet einnahmen, wurde zweimal der erfolglose Versuch unternommen, die Kommandozentrale zu sprengen und einzuebnen. Danach baute man ein Leuchtfeuer auf die Trümmerinsel und überließ sie der Natur.

Trümmerinsel

Ehemalige Torpedoversuchsanstalt Tollensesee

Die Trümmerinsel

Trümmerinsel


Heute ist die Trümmerinsel ein interessantes Tauchziel. Am besten erreicht man sie mit dem Schlauchboot. Die Insel darf nicht betreten werden, sondern allein vom verankerten Boot aus betaucht werden. Deutlich sieht man das Fundament und die Reste der gesprengten Kommandozentrale. Man taucht durch ein Wirrwarr aus Rohren, Leitungen der Dampfheizung und diversen weiteren technischen Einrichtungen. Das Ganze ist von Süßwasserschwämmen überzogen und wird von einer scheinbar unendlichen Anzahl von Fischen als Versteckmöglichkeit genutzt. In der Mitte der Insel kann man durch eine Art Kanal tauchen. Allerdings sollte man sich an der gespannten Führungsleine orientieren und nicht auf eigene Faust ins Innere vordringen. Auch sollte man auf eine gute Tarierung achten, da der Seeboden sehr sedimentreich ist und die Sicht durch einen unbedachten Flossenschlag schnell eingeschränkt sein kann. Auch beim Vorstoß durch Engstellen kann Sediment aufgewirbelt werden. Deshalb bitte immer an der Führungsleine bleiben. Aufgrund des beengten Platzes, der teils eingeschränkten Sicht und der oft fehlenden Möglichkeit einen Notaufstieg durchzuführen ist hier psychische Stabilität und besonnenes Tauchen von großer Bedeutung. Wer Probleme mit Enge hat, sollte die Trümmerinsel lieber von außen erkunden. Auch dort gibt es ebenso viel zu sehen. Eine Umrundung der Trümmerinsel ist in einem Tauchgang möglich.

Fotos: Roger Blum

Literatur/Quelle:

Falk Wieland, „Tauchreiseführer Deutschland: Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen“, Verlag Stephanie Naglschmid, 2004 (2. Auflage), S. 61 ff.



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U-995


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